Das Johanngeorgenstädter
Bergleichenornat
( Sonderaussellung im Pferdegöpel - 1995)

Das Erzgebirge ist nachhaltig wie kaum eine andere Kulturlandschaft durch den Bergbau geprägt worden. Sei es in der Sprache, in Lebensart oder in der Volkskunst - bis auf den heutigen Tag ist das bergmännische Brauchtum tief verwurzelt - man denke nur an den Gruß "Glück Auf".

Interessanterweise gibt es jedoch auch Aspekte des Lebens unserer bergmännischen Vorfahren, die heute fast vergessen sind - dazu gehören die bergmännischen Grabgebräuche. Bedingt durch den gefahrvollen Arbeitsalltag unter Tage, sah sich der Bergmann nur allzu oft mit dem Tod konfrontiert. War es kein Unfall, so ließen Berufskrankheiten den Bergmann nicht alt werden. Zur dürftigen sozialen Absicherung der Hinterbliebenen sammelten die Bergknappschaften den Büchsenpfennig. Doch ein weiteres Problem war für die ihres Ernährers beraubte Familie die Bezahlung eines würdigen, standesgemäßen Begräbnisses. Deshalb entstand 1689 in Johanngeorgenstadt neben der Bergknappschaft eine Bergbrüder-Leichengesellschaft. Mitglieder waren Bergbeamte, Schichtmeister, Steiger und Bergleute - aber auch Handwerker konnten sich einkaufen. Zu den Pflichten zählte vierteljährlich die Entrichtung des Quartalsgeldes. Außerdem war beim Tod eines Mitgliedes jeder verpflichtet, mit zu Grabe zu gehen.

Der vorhandene "Leichenornat" durfte dabei kostenlos benutzt werden. Dieser bestand aus Sargtuch, Kruzifix, Sargschildern, Mänteln und Trauerhüten. Während des Trauermarsches wurde der Sarg durch ein Tuch verhüllt, auf das ein Auflege-Kruzifix gebunden wurde - an den Seiten hingen sechs oder acht Sargschilder. Gemeinsam wie zur Arbeit zogen die Bergbrüder zum Friedhof - zur letzten Schicht. Das letzte nach diesem uralten Zeremoniell abgehaltene Begräbnis wurde am 4. Januar 1930 dem Johanngeorgenstädter Bergdirektor Ernst Rudolf Poller bereitet.

Glücklicherweise sind große Teile des Johanngeorgenstädter "Bergleichenornats" erhalten geblieben. Ältestes Stück ist ein Sargtuch aus dem Jahres 1683. Besonders sehenswert sind neben wertvollen, handgeschnitzten und vergoldeten Kruzifixen eine Reihe von Sargschildern aus dem 18. Jahrhundert. Diese 30 bis 40 cm hohen, ovalen Tafeln sind durch geschnitzte und bemalte bzw. vergoldete Abbildungen geschmückt. Neben Darstellungen des Leidensweges Christi dominieren Symbole des Bergbaues und der verschiedenen Handwerksinnungen (Bäcker, Fleischer, Schneider, Schlosser, Stellmacher und Schuhmacher). Etwa 200 solcher Sargschilder sind im Erzgebirge, in Thüringen und im Mansfelder Land erhalten geblieben. Neben Schnitzereien gibt es auch getriebene oder gegossene Schilder aus Messing, Zinn oder Silber, Ölbilder auf Holz oder gestickte Sarglappen.

Das interessante Buch zu dieser Thematik: "Die letzte Schicht - Bergmännische Grabgebräuche" von Helmut Wilsdorf und Steffen Brock (1994 erschienen) ist leider nur noch antiquarisch zu haben.

 


Sargschild


Sargschild


Auflege-Kruzifix


Bergmännisches
Begräbnis 1930


Bergmännisches
Begräbnis 1988

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